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Die Freiheit des Karamelengels

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- Von Matthias Kayß -

Freiheit – das ist die Losung unserer Zeit. Aber meistens verbirgt sich dahinter doch nur Attitüde. Hier ein Vorschlag für ein etwas anderes Verständnis von Freiheit auf der Grundlage des politischen Denkens von Hannah Arendt…

[Westerwelle: „Und wenn sich jemand auf uns zu bewegt, dann rennen wir nicht weg. Und wenn sich jemand von uns entfernt, rennen wir nicht hinterher. Wir sind eine eigenständige Partei. Das ist der Geist der Freiheit und die Kraft der Freiheit!“] Ist sie nicht beeindruckend, diese rhetorische Westerwelle, die da am vergangenen Wochenende auf die Delegierten des Rostocker FDP-Parteitags übergeschwappt ist: der Geist der Freiheit! Wow! Wir – also die in der FDP, meine ich -, die heißen nicht nur, nein, die sind auch so frei. Und sie lassen sich selbstverständlich auch als Partei nicht von purem Macht- und Karrierestreben beirren. Neinein. Allein die Überzeugungen der FDP-Gemeinschaft bestimmen den Weg der Partei. Das ist was anderes als das, was man zum Thema Freiheit von den Besserverdienenden und denen, die es werden wollen, zu hören gewohnt ist. Zumeist ist die Freiheit in diesen Kreisen doch eher so etwas wie eine Geburtszange, mit der allein angeblich unsere je eigenen Zukünfte inerhalb einer globalisierten Welt gerettet werden können. Dass Freiheit nicht aus Zwang geboren wird, sondern sich zudem auch noch ausgerechnet in einem gemeinschaftlichen Willen ausdrückt, das sind wahrlich ungewöhnliche Töne.
Wie schade, dass sich dahinter wahrscheinlich nur Attitüde und keine echte politische Haltung verbirgt. Denn sein wir ehrlich: dieser Geist der Freiheit wäre auf gesellschaftlicher Ebene mit dem Wirtschaftsliberalismus einer FDP nicht zu vereinbaren.

Dennoch: Die Freiheit steht auf der politischen Bühne zurzeit hoch im Kurs. Angela Merkel – die in meinem Sprachschatz nur noch als ‘Karamelengel’ geführt wird, seit ich unlängst einen Wikipedia-Eintrag zum Begriff ‘Anagramm’ lesen durfte -, unsere Bundeskanzlerin also, die hat ja die Freiheit in ihrer ersten Regierungserklärung Ende November letzten Jahres gleich zum Leitbegriff der gesamten Politik der Großen Koalition erhoben: [Merkel: „Lassen sie uns mehr Freiheit wagen!“] Oh je, die alten Zeiten! Da war das Karamelengelchen mal ein bisschen nostalgisch. Und da musste es natürlich ausgerechnet eine Reminiszenz an Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen“ sein. Wie die Demokratie das Leitprinzip der sozial-liberalen Koalition 1969 wurde, so könnte doch 36 Jahre später durchaus auch mal die Freiheit dran sein, nicht wahr?!

Das hinkt gewaltig, meine ich. Bei Brandts ‘Mehr Demokratie’ war die Freiheit stets mitgedacht; gleichwohl: Freiheit verstanden nicht als private Freiheit des einzelnen, sondern als politische Freiheit. Wenn es darum geht, dass Demokratie, also der Wille der Menschen innerhalb eines Gemeinwesens, zur Geltung kommt – wenn man also gemeinsam beschließt, etwas so und nicht anders zu tun -, dann kann es sich hier – politisch gesehen – nur um einen freien Willen handeln. Wäre hier der Wille ein aus Zwang geborener, eine der Notwendigkeit geschuldete Einsicht in das Unabwendbare, wäre damit die gesamte Idee der Demokratie – ja im Grunde der Poltik überhaupt – diskreditiert. „Wenn es wahr ist“, schreibt Hannah Arendt, …

„Wenn es wahr ist, dass Politik nichts weiter ist als etwas, das leider für die Lebenserhaltung der Menschheit notwendig ist, dann hat sie in der Tat angefangen, sich aus der Welt zu schaffen, beziehungsweise ihr Sinn ist in Sinnlosigkeit umgeschlagen“ (H. Arendt, Denken ohne Geländer. Texte und Briefe, München 2005, S. 82).

Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass der Zauber, der von Brandts Diktum einst ausging, diesem Gefühl von Freiheit geschuldet war – einer Freiheit, die nicht nur Voraussetzung von Demokratie ist, sondern sich zugleich eben in dieser ausdrückt. Nun, ob diese freiheitliche Demokratie wirklich Realität wurde in den 1970er Jahren, steht auf einem anderen Blatt. Zumindest aber erschien es vielen Menschen trotz der präsenten Erfahrung des Totalitarismus und der erdrückenden atomaren Bedrohung plötzlich möglich, einen neuen Anfang zu machen. Und es ist genau diese Spontaneität des Neu-Anfangens, in der sich für Hannah Arendt die politische Freiheit eines handelnden Gemeinwesens ausdrückt.

Heutzutage ist von alledem kaum etwas zu spüren. Politikerinnen und Politiker, die heute das Wort Freiheit in den Mund nehmen, verwenden es vor allem als Kampfbegriff gegen den Staat; schränkt dieser doch, ihrer Meinung nach, mit Steuern und Verordnungen die private Freiheit des Einzelnen zu stark ein. Hier geht es also gerade nicht um politische Freiheit. Für diese Freiheitsapostel fängt die Freiheit da an, wo die Politik aufhört.
In diesem Sinne macht es zwar Sinn, ‘mehr Freiheit’ zu fordern. Das Problem dieser Freiheit ist aber ihre Verallgemeinerung. Sie ist wie die berüchtigte Bettdecke im Doppelbett. Nehm ich mir mehr davon, muss der Partner frieren. Wer also in diesem Sinn ‘mehr Freiheit’ auf die Agenda setzt, der muss auch wollen, dass zukünftig andere mit weniger auskommen müssen. Das heißt aber auch: Es gibt keinen oder nur wenig Raum für Gemeinsamkeiten. Und einen gemeinsamen politischen Neuanfang, so wie ihn der Karamelengel im Wahlkampf nicht müde wurde herbeizureden, den gibt es schon gar nicht.

Es bleibt dabei: Das kanzlerische Mehr an privater Freiheit hat nichts zu tun mit dem politischen Freiheitsbegriff; nicht im Sinne von Hannah Arendt und wahrscheinlich auch nicht im Sinne des so gerne zititerten Satzes von Rosa Luxemburg: ‘Freiheit ist die Freiheit des Anderdenkenden’. Auch ihr ging es schließlich um die eine Freiheit und um ein Mehr an Demokratie.

Aber wie auch immer: Die neu Gewählten beginnen nun, ihre Vorstellungen von einem Mehr an Freiheit durchzusetzen. Aber sie tun es allein – und sicher gegen einen wachsenden, einen hoffentlich friedlichen und gerade deswegen machtvollen Widerstand. Nun, es ist ihre Freiheit, und etwas anderes können sie politisch nicht erwarten.

Und was können wir erwarten? Nun, heute soll es an Hannah Arendt sein, darauf zu antworten:

„Wenn der Sinn von Politik Freiheit ist, so heißt dies, dass wir in diesem Raum – und in keinem anderen – in der Tat das Recht haben, Wunder zu erwarten. Nicht, weil wir wundergläubig wären, sondern weil die Menschen, solange sie handeln können, das Unwahrscheinliche und Unerrechenbare zu leisten imstande sind und dauernd leisten, ob sie es wissen oder nicht.“ (a.a.O., S. 87)

Eine Reaktion zu “Die Freiheit des Karamelengels”

  1. Die Vergessenen » Blog Archiv » Episode #040/06 AUSGESTORBEN

    [...] Und schon hatte ich was gelernt: Dass Lehrjahr keine Herrenjahre sind. Ob Matthias auch solche Erfahrungen gesammelt hat, weiß ich nicht. Er macht einen Blog mit dem Namen “Reklamation an Magrathea”. Jetzt hat er auch seine ersten “Redeversuche” gestartet. Hier geht es zum Blog von Matthias: Reklamation an Magrathea [...]